ONLINE-LOGBUCH DES KURATORINNENTEAMS Corinna Steimel & Birgit Wilde

Élan Vital - Poesie der Bewegung

Foto: Dietmar Wilde

Wir begrüßen Sie herzlich auf der Internetseite der Städtischen Galerie Böblingen und freuen uns sehr über Ihr Interesse an unserer umfangreichen Gruppenausstellung "Élan Vital - Poesie der Bewegung", die seit 7. November 2021 steht und bis zum 20. März 2022 andauert.

Bleiben Sie ab jetzt auf dem Laufenden und begleiten Sie uns im extra für Sie eingerichteten Online-Logbuch bei den Last Minute-Schritten bis zur Eröffnung sowie bei den kontinuierlichen Abläufen während der gesamten Laufzeit der Schau. Zudem können Sie aus den regelmäßig erfolgenden Internet-Einträgen mehr über das Konzept, über die Hintergründe, über den französisch klingenden Ausstellungstitel sowie über die in der Schau gezeigten zeitgenössischen Künstler*innen, die mit den Avantgardist*innen in spannungsreichen Dialoge treten, erfahren.
 

17.03.2022 Eintrag #19 20.3. PERFORMANCE 'HEIMATLAND' zum Werk 'SCHWARZER WALZER' – Hommage an Ingeborg Bachmann und Grete Wiesenthal

PERFORMANCE 'HEIMATLAND' zum Werk 'SCHWARZER WALZER' –
Hommage an Ingeborg Bachmann und Grete Wiesenthal im Rahmen der Finissage am Sonntag, dem 20. März 2022, 18 Uhr

Mit dem von Birgit Wilde eigens für die Räume im Böblinger Museum konzipierten, mehrschichtigen Schlüsselwerk der Installation 'Schwarzer Walzer', das auch gleichzeitig die Klammer für das gesamtkunstwerkliche Konzept bildet, findet die Ausstellung „Élan Vital“ an diesem Sonntag einen würdigen Ausklang. Ganz im Motto der mentalen wie körperlichen Beweglichkeit versetzt Birgit Wilde in diesem multiperspektivischen Werk in Gestalt von gezeichneten, grafischen wie dynamischen Tanznotationen im Zusammenspiel mit den Versen von Ingeborg Bachmanns gleichnamigem Gedicht (46,9 KiB) sich nicht nur tänzerisch und lyrisch in den asymmetrischen Dreiertakt, sondern bewegt sich auch zeitlich durch gesellschaftliche, politische und kulturelle Räume sowie durch die 'Ismen' der Kunstgeschichte, die sich in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts herauskristallisiert hatten.

Mit der Tanzperformance 'Heimatland!', die zur Finissage am 20. März um 18 Uhr dargeboten wird, reflektieren die Akteur:innen die besonders bewegten, gar zerrissenen Zeitspannen zwischen Jahrhundertwende und dem Ersten Weltkrieg, sowie der Zwischenkriegsjahre und der Nachkriegszeit. Dass die Performance angesichts der mittlerweile dreiwöchigen Kriegshandlungen zwischen Russland und der Ukraine in gewisser Weise eine Wiederholung der Geschichte symbolisiert, ist mehr als bedauerlich. Emotional aufgeladenen Begriffe wie Heimat und Identität sind präsent wie nie. Sie werden bereits von Ingeborg Bachmann im Jahr 1959/60 mit in Raum und Geist schwebenden Worten formuliert und durch die physische Anwesenheit von Musik und Tanz, wie in unserem Falle dem traditionellen Walzer (3,438 MiB), in ihrer Bedeutung gesteigert.

Lange schon befürchtet, stehen wir gerade mehr denn je vor politischen, gesellschaftlichen sowie kulturellen Fragestellungen, die starke Parallelen zum letzten Jahrhundert aufweisen. Neben der hochgejubelten globalen Vernetzung wird als paradoxe Gegenposition wieder Misstrauen geschürt und die latent herrschende Angst vor Überfremdung oder weltweiten Krisen wird durch den Ausbruch eines brutalen und zerstörerischen Kriegs in Europa urplötzlich real.
 
Als optimale Einstimmung auf die komplexe Performance empfehlen wir die Tandem-Führung um 15.00 Uhr mit der Galerieleiterin Corinna Steimel und der Konzeptkünstlerin Birgit Wilde. 
 
Bitte beachten: Statement der Kuratorinnen zur aktuellen Situation
Wir sind uns darüber bewusst, dass es zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine wirklichen Gründe zum Feiern gibt. Dennoch haben wir uns dazu entschlossen, den Abschlusstag der Ausstellung mit einer ganztägigen Öffnung und verschiedenen Programmpunkten zu begehen. Als Geste der guten Hoffnung und als Symbol für unsere Gedanken, die ungeteilt bei den Opfern des Krieges sind, bitten wir unser Publikum, durch die eigens von der Künstlerin Birgit Wilde gestaltete “Tanzkarte” humanitäre Hilfsorganisationen zu unterstützen. Böblingen hat ein Spendenkonto für die Ukraine eingerichtet, auf das der gespendete Erlös zu 100% eingezahlt werden wird.
 
………
Beginn der Performance: 18.00 Uhr im Spiegelsaal
Tanz: Marianne Illig, Thomas Lempertz
Musik: Tobias Götzmann, Klaus Kreczmarsky, Igor Petrov-Schell
Konzept: Birgit Wilde 'Schwarzer Walzer' - Fin-de-Siècle-Ästhetik in Tanz, Musik, Literatur und Bildender Kunst
 
Der Eintritt ist kostenlos, um Spende für die Ukraine wird gebeten.

09.03.2022 Eintrag # 18 - Einführungsrede zur Eröffnung der Ausstellung “Von Raum zu Raum - ÉLAN VITAL - Poesie der Bewegung II” vom 6. MÄRZ 2022 im Schlosskeller Grafenau

Einführungsrede zur Eröffnung der Ausstellung “Von Raum zu Raum - ÉLAN VITAL - Poesie der Bewegung II” vom 6. MÄRZ 2022

-Birgit Wilde-

Herzlich Willkommen im Schlosskeller Dätzingen! Nach der langen Coronapause freuen wir uns sehr, nicht nur mit vollem Elan, sondern auch gleich mit einem großen Ausstellungsprojekt durchstarten zu können.

Parallel zur Dialogausstellung »ÉLAN VITAL – POESIE DER BEWEGUNG I« in der Städtischen Galerie Böblingen, die noch bis zum 20. März 2022 besucht werden kann, startet heute der Kulturkreis Grafenau im Rahmen der Reihe »ART SOUS TERRAIN« mit der Folgeausstellung »Von Raum zu Raum - ÉLAN VITAL – POESIE DER BEWEGUNG II« mit Rauminstallationen von Shirley Cambonie, Thomas Lempertz, Tina Schneider, Kestutis Svirnelis (Kestas) und Manuela Tirler.

Bevor wir uns nun gemeinsam durch die Ausstellung im Schlosskeller bewegen, möchten wir Ihnen noch ein paar Informationen zu dem umfangreichen Ausstellungsprojekt geben:

Der klangvolle Ausstellungstitel „Élan Vital – Poesie der Bewegung“ bezieht sich einerseits auf die künstlerische Avantgarde zu Beginn des Jahrhunderts und andererseits auf das epochemachende Hauptwerk ”L’évolution créatrice“ des französischen Philosophen Henri Bergson (1859 in Paris – 1941 ebenda), für das er 1927 den Nobelpreis für Literatur erhielt und in dem er den Begriff „élan vital" prägte. In der deutschen Ausgabe wurde es mit "Schöpferische Entwicklung" betitelt.

"Elan Vital - Poesie der Bewegung I-III" ist ein kuratiertes, künstlerisches Ausstellungsprojekt. Der Fokus liegt auf der Bewegung im allgemeinen Sinne, die sich als interdisziplinärer Faden durch die geplanten Ausstellungen (Böblingen, Grafenau und Sindelfingen) zieht. So werfen die künstlerischen Exponate vielfältige Fragen auf, etwa danach, wie sich etwas in Bewegung bringen lässt, in welchen Dimensionen wir uns gedanklich bewegen, wohin – ob vorwärtsgewandt oder rückwärtsgerichtet – wir uns bewegen, und was wir in unserem Leben letztendlich überhaupt bewegen können. Während in der Städtischen Galerie Böblingen der Dialog zwischen den KünstlerInnen und den Avantgardisten im Fokus steht, liegt er im Schlosskeller Dätzingen auf Bewegungen im Raum. Denn diese wunderbaren Räume hier im Schlosskeller mit einer ganz eigenen Ausstrahlung unterstützen den Fokus auf das Wesentliche, wir man bereits gleich zu Anfang sieht.

Manuela Tirler, Weed IX
Manuela Tirler, Weed IX

Direkt am Eingang werden die BesucherInnen von Manuela Tirlers Arbeit Weed IX aus Stahl von dem sich die Wand bemächtigenden Rankenwerk in Empfang genommen. Ein paar Meter weiter, gleich rechts neben der Treppe, eine filigrane Verästelung, bei der sich die Frage stellen könnte, ob der raumgreifende Ast sich bewegt oder ob (uns) bald was blüht! Trotz des martialischen Materials haben die Arbeiten die Anmutung von etwas Organischem, wozu der natürlich erscheinende braune Rostton wesentlich beiträgt.


 

Manuela Tirler, Quake VIII
Manuela Tirler, Quake VIII

Das Werk Quake VIII dagegen gehört zu den Sprengungen, die brachialen Eingriffe in die Oberflächen des Metalls werden zur sinnlichen Metapher einer geschundenen Welt: sei es als verdorrte Kruste, als trockene Ackerfurche oder bewusste Zerstörung. Diese Differenz zwischen Bekanntem und Unbekanntem, Entstehen und Vergehen und die Nähe zur Natur sind ein wichtiger Bestandteil der Poesie von Manuela Tirlers Werken.



 

Gleich anschließend im sogenannten 'Zwischenraum' passieren wir die poetisch und sakral anmutende Raumcollage Pareidolie mit plastischen Objekten von Shirley Cambonie.

Shirley Cambonie, Pareidolie
Shirley Cambonie, Pareidolie

Die geschwungene Form des unteren Teils der aus einer alten Kirchenbank stammenden Holzwange inspirierte die Künstlerin wohl zu dieser komplexen Arbeit. Beobachten - Verbindungen herstellen – Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel – Möglichkeiten der Realisierung durchspielen – produzieren; eine sehr kreative Abfolge. So verbindet sie reale Räume mit virtuellen so geschickt, dass man die Wirklichkeit kaum erkennt. Je nach Perspektive und eigenem Platz im Raum treffen sich das Negative (die Form der Holzwange) und das Positive (die Gipsamphore) durch den Spiegel und verschränken sich und Shirley Cambonie, Pareidolie Manuela Tirler, Weed IX Manuela Tirler, Quake VIII antworten einander. Und nur durch die eigene Bewegung auch mal seinen Standpunkt (nicht nur in diesem Raum) zu ändern, kommt man hier der Wahrheit näher.

Bewegen wir uns aus diesem Zwischenraum ein paar Meter weiter steuern wir automatisch, nein nicht auf den roten Teppich, sondern auf einen rosafarbenen Teppich zu und schon werden wir von Thomas Lempertz raumgreifender Installation magisch angezogen.

Thomas Lempertz, Rauminstallation
Thomas Lempertz, Rauminstallation

Auch hier zeigt sich, wie bereits bei seinem Werk Terpsichore in der Städtischen Galerie Böblingen, wieder die Aufarbeitung seiner bewegten, vom Tanz geprägten Vergangenheit. In dieser Arbeit geht es aber nicht nur um die Ambivalenz zwischen Leichtigkeit und brachialer Kraft, sondern auch um die Verteilung derselben zwischen Tänzerin und Tänzer. Die Ballettstangen, die wie die Stangen eines für kraftzehrende Übungen bekannten Barrens konzipiert sind, erinnern aber durch den rosafarbenen Tanzboden eher an eine Wiege. In der Bedeutung, dass einem das tänzerische Potential wohl schon in die Wiege gelegt sein muss, um diese harte Ausbildung durchstehen zu können - die Wiege der Bewegung. Ergänzend dazu die latexüberzogenen Bilder und Fotografien, die uns wieder an die tänzerische Leichtigkeit erinnern sollen. Auch hier erkennt man wieder die Ambilanz die sich wie ein roter Faden durch das OEuvre von Thomas Lempertz zieht!

Beim Übergang zum nächsten Raum erschrickt uns Tina Schneider mit einem bedrohlich blickenden Auge, dass unwillkürlich an den bedrückenden Roman '1984' von George Orwell erinnert.

Tina Schneider, (Auge Nr. 2)
Tina Schneider, (Auge Nr. 2)

Unübersehbar ist, dass auf Holz der Schwerpunkt ihrer Wahl als Material liegt, mit dem sie die unterschiedlichsten Ziele ihrer Werke realisiert. Ziele, die sie hier den Widrigkeiten dieser Welt widmet, wohl in der Hoffnung, das selbige zuletzt stirbt. Einer Hoffnung, die durch die Wahl ihres organischen Werkstoffs vielleicht Nahrung bekommt, der aber aufgrund ihrer robusten Bearbeitung auch nicht zu blauäugig nachgehangen werden sollte. Vergleiche zu einer comic-haften Darstellung kommen auf, in der Absicht, einer rauen Wirklichkeit leichter begegnen zu können, unterstrichen durch Thomas Lempertz, Rauminstallation Tina Schneider, (Auge Nr. 2) eine helle und weniger bedrohlich wirkende Farbgebung, wie in ihren Werken Manifestation und Speech bubble.

Tina Schneider, put your arms around me
Tina Schneider, put your arms around me

Die zentrale Arbeit put your arms around me unterstreicht diese Ambivalenz, wenn man die englische Bedeutung des Wortes „arms” mit Waffen übersetzt.

Ein paar Schritte weiter erwartet uns ein weiterer 'Zwischenraum' indem uns die Künstlerin Shirley Cambonie einen zeitlosen Moment schenkt, damit wir die Stille betrachten können.

Shirley Cambonie, Jennerwein
Shirley Cambonie, Jennerwein

Das Werk Jennerwein (bayerischer Wilderer aus dem 19. Jahrhundert) entstand zu Beginn ihres Studiums in einer typischen bayerischen „Boazn” in der das sog. Jägerspiel gespielt wird. Dabei schießen die „Jäger” auf Plastikhirsche und stellen diese Trophäen anschließend stolz zur Schau. Tatsächlich symbolisieren diese Plastikhirsche, die die Fähigkeiten der „Jäger” demonstrieren, in ihrem stehenden, erstarrten, durchlöcherten und ausgesetzten Zustand die faszinierendste aller quantenmechanischen Fragen: das Dazwischen, wie Schrödingers Katze, die in der Zeitlosigkeit des Augenblicks erstarrt ist. Zwischen zwei Welten schwebend, demonstrieren sie unterschwellig sowohl das Leben als auch den Tod. Ein Hohn, durchlöchert und als besiegte Beute zur Schau gestellt zu werden, ruhen sie aufrecht, statisch, so tapfer und stolz wie ihre Erbeuter und illustrieren so das Überleben und die berührende Möglichkeit, dass vielleicht nicht alles vorbei ist.

Doch lange währt diese Stille nicht! Denn gleich ein paar Meter weiter kann es laut und hektisch werden! Währte eben noch die Stille, scheint sich jetzt alles gleichzeitig zu bewegen! Aber Vorsicht, der Auslöser dafür sind wir selbst! Denn unsere Bewegungen setzen auch die Werke wie Tarnenbaum, Lux und Gleichgesinnte von Kestutis Svirnelis (Kestas) durch versteckte Bewegungssensoren in Bewegung. Ein Querverweis zur kinetischen Kunst der 60er Jahre.

Kestas, Pelz
Kestas, Pelz

Unübliche, aber auch “arme” Materialien sowie ungewöhnliche Kombinationen wie in seinen Werken Lux und Pelz kommen bei Kestas immer wieder gern zum Einsatz. Fundstücke aller Art, wie z.B. das Armeetarnnetz für sein Werk Tarnenbaum oder ausrangierte Kleidung, wie in seinem Werk Gleichgesinnte, werden dabei gezielt und verspielt Tina Schneider, put your arms around me Shirley Cambione, Jennerwein mit industriell vorgefertigten Produkten (Gummihandschuhe, Grillrost,...) kombiniert und können als dadaistischer Querverweis gedeutet werden. Ob wie panisch um sich schlagend, sich aufblasend, in die Höhe strebend oder leicht pulsierend kann uns die sich mal aufsehenerregend, mal fast unmerklich bewegende Installations- und Objektkunst von Kestas überraschen, begeistern oder uns bisweilen erschrecken.

Wir sind jetzt am Ende der Ausstellung angelangt und ich bedanke mich auch im Namen von Rita Graf und Ihrem Team, sowie von Corinna Steimel für Ihren Besuch im Schlosskeller Dätzingen! Die Ausstellung »Von Raum zu Raum - ÉLAN VITAL – POESIE DER BEWEGUNG II« kann einschließlich bis zum 3. April 2022 jeweils Sa + So von 14 – 17 Uhr besucht werden.
Weitere Informationen zu den KünstlerInnen sowie spannende Einblicke zu diesem umfangreichen Ausstellungsprojekt finden Sie hier im »Online-Logbuch«.

03.03.2022 Entry # 17 - Sonntag, 6. März: Eröffnung der Folgeausstellung »Élan Vital – Poesie der Bewegung II«

Von 11.00 bis 17.00 Uhr

Voller Élan starten wir in den März. Denn parallel zur Dialogausstellung »ÉLAN VITAL – POESIE DER BEWEGUNG I« in der Städtischen Galerie Böblingen, die noch bis zum 20. März 2022 besucht werden kann, zeigt der Kulturkreis Grafenau im Rahmen der Reihe »ART SOUS TERRAIN« im Schlosskeller Dätzingen die Ausstellung »Von Raum zu Raum - ÉLAN VITAL – POESIE DER BEWEGUNG II« mit Rauminstallationen von Shirley Cambonie, Thomas Lempertz, Tina Schneider, Kestutis Svirnelis (Kestas) und Manuela Tirler.

Einladung Schlosskeller Dätzingen

Zum Ausstellungsprojekt »ÉLAN VITAL – POESIE DER BEWEGUNG I-III«

In diesen, von Künstlerin Birgit Wilde konzipierten und Galerieleiterin Corinna Steimel kuratierten, Gattungsgrenzen überschreitenden Drei-Stationen-Kunstprojekt liegt das Hauptaugenmerk auf den vielfältigen Formen von Bewegung und ihren künstlerischen Ausdrucksweisen. In den einzelnen, spezifisch auf den Schauplatz bezogenen und auf Interaktion zielenden Präsentationen wird das Konzept von Bewegung anhand der ausgestellten Kunstwerke an den Schnittstellen zu den Sparten Literatur, Theater, Musik und Tanz verhandelt. Als interdisziplinärer Ansatz sichtbar gemacht, umkreist dieses »bewegende Moment« wirkungsmächtig die aufeinander folgenden Ausstellungen in Böblingen, Grafenau und Sindelfingen. Während in der Städtischen Galerie Böblingen der Dialog zwischen den KünstlerInnen und den Avantgardisten im Fokus steht, liegt er im Schlosskeller Grafenau auf dem Raum.

Ansicht Schlosskeller Grafenau Raum 2 und 3.jpg
Ansicht Schlosskeller Grafenau Raum 2 und 3

Weitere Informationen zu den KünstlerInnen sowie spannende Einblicke zu diesem umfangreichen Ausstellungsprojekt finden Sie hier im »Online-Logbuch«

Zusätzlich zu den KünsterInnen des Projekts Élan Vital - Poesie  der Bewegung I freuen wir uns, in der Reihe "ART SOUS TERRAIN" einen Neuzugang für die Ausstellung  "von Raum zu Raum, Poesie der Bewegung II" im Schlosskeller des Schlosses Dätzingen, begrüßen zu dürfen: Shirley Cambonie aus Frankreich

Porträt Shirley Cambonie
Shirley Cambonie

1990 in Drancy/Frankreich geboren, studierte sie von 2010 bis 2012 Freie Kunst an der staatlichen Kunsthochschule Villa Arson in Nizza.Von 2015 bis 2020 setzte sie ihr Studium der Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste, in München, bei  Prof. Hermann Pitz fort. 2014 war sie Mitarbeiterin im Atelier von Prof. B. Blümlein, in der Villa Arson in Nizza. 2015 arbeitete sie als  Assistentin von Prof. B. Blümlein an der Ausstellung 'Gespräch mit Jean Cassien' Vidéochronique in Marseille mit. 2020 Diplom in Bildhauerei und Freier Kunst an der Akademie der Bildenden Künste München.





 
 

Pareidolie, Shirley Cambonie
Pareidolie, Shirley Cambonie

Ausstellungen:
2020  Éclipse, Diplomausstellung, ADBK, München
2018  Press Play, Radierverein, München/
Cusanuswerk Auswahlverfahren, Künstler Forum, Bonn/ 28. Auktion des Akademievereins, ADBK, München
2017  Der Angriff der Zukunft auf die Gegenwart, Jahresausstellung ADBK, München/ 27. Auktion des Akademievereins, ADBK, München                 
2016  Karl & Faber – bei ASPESI Laden, Luitpoldblock, München         
2015  25. Auktion des Akademievereins, ADBK, München
 
Preise:
2020  Kulturpreis – Kunst und Wissenschaft – Bayernwerk, München
2017 Preis des Akademievereins für 'A la mémoire“, München
Seit 2017 PAIDOULIA e.V. - Kunstprojekt und Ton mit Kindern, München
 
 

02.03.2022 Entry # 16 – „The Remains of the Dance“

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28.02.2022 Entry # 15 – „Circle of Life“

Die Studierenden der Tanzakademie Minkov aus Winnenden haben sich von den Exponaten in vollen Elan versetzen lassen. Es war ganz großartig. Gratulation zum Gelingen der uns alle bewegenden Performance. Gedankt sei allen Mitwirkenden, vor allem der begeisternden Choreografin Marilena Grafakos.

Fotograf: Gunter Krieger
Fotograf: Gunter Krieger

27.02.2022 Entry # 14 – Danke für das herausragende Interesse bei unserem gemeinsamen Ritt durch die Räume der Bewegungen…

Fotograf: Gunter Krieger
Fotograf: Gunter Krieger
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25.02.2022 Entry # 13 – „Kinetische Kunst von Kestas“

“Es existieren keine starren Dinge, sondern allein werdende Dinge,keine Zustände, die bleiben, sondern nur Zustände, die sich verändern.Die Ruhe ist nur scheinbar oder vielmehr relativ.“(Henri Bergson)
 
Die als dreiteilige Serie angelegte Gruppenausstellung “Élan Vital-Poesie der Bewegung” wird an ihrer ersten Station in Böblingen exakt zum richtigen Zeitpunkt gezeigt: denn der im Geiste des französischen Philosophen und Nobelpreisträgers Henri Bergson (1859-1941) stehende Konzept-Faden, der sich durch die sich über drei Stockwerke im Museum Zehntscheuer verteilende Präsentation zieht, thematisiert die physische wie psychische Beweglichkeit, die in der gegenwärtigen, lähmenden Corona-Lage umso bedeutungsvoller erscheint.
 
Der zeitliche Spannungsbogen dieser dem Schlüsselbegriff „élan vital“, zu Deutsch der “Lebensschwungkraft”, gewidmeten Ausstellung erstreckt sich von avantgardistischen Kunstwerken der Klassischen Moderne über die 1960er-Jahre-Positionen bis hin zur brandaktuellen Gegenwartskunst. Insgesamt sind die sechs jungen Künstler:innen Selҫuk Dizlek, Thomas Lempertz, Tina Schneider, Kestutis Svirnelis, Manuela Tirler und Birgt Wilde mit auf das Thema und die Räumlichkeiten abgestimmten Installationen, Plastiken, Reliefs oder Objekten vertreten. Über das Zusammenspiel der Werke erschließen sich poetisch arrangierte Raumsituationen. Aber Vorsicht: Kunst! Es können sich hier auf jedem Stockwerk, an jeder Ecke und hinter jeder Ausstellungswand neue Überraschungen verbergen…
 
Anziehend und abschreckend zugleich geben sich beispielsweise die beweglichen Arbeiten von Kestutis Svirnelis, genannt Kestas. Indem der ursprünglich aus Litauen stammende Künstler auf Kombinatorik und Kinetik als künstlerische Ausdrucksmittel zurückgreift, könnten seine Gebilde wie präparierte Apparate, blutleer, ferngesteuert und entmenschlicht wirken. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Die oftmals roboterhaft technoid anmutenden Installationen, die sich teilweise wie Marionetten an Fäden gebaren,  lösen stattdessen unser Mitleid aus indem sie eindrückliche Erscheinungsbilder für die Tragik des Menschseins, des Siegens und des Scheiterns ergeben: Man kann die Sisyphusarbeit, die sein aus einem metallenen Kerzenständer, einem für Fahrzeuge handelsüblichen Scheibenwischer, einer Mülltüte und einem Anzugsakko zusammengesetzter “Himmelswischer” auf der Galerie-Empore tagtäglich im angestrengten Streben nach Höherem auf sich nimmt, lustig finden, aber eben auch angesichts der darin verkörperten Sinnleere tieftraurig davon berührt sein.

"Himmelswischer" von Kestas

Unübliche, oftmals “arme” Materialien und außergewöhnliche Kombinationen kommen in den Werken von Kestas mit Vorliebe zum Einsatz. Fundstücke aller Art, etwa Altkleider, Sperrmüll, Stoffreste, etc. werden dabei gezielt und verspielt mit industriell vorgefertigten Produkten wie Plastiktüten und Abfallsäcke kombiniert. Immer finden Gebrauchsmaterialien kunstvolle Verwendung, die in unserer Konsumgesellschaft zuhauf produziert, verwendet und weggeworfen werden.
 
Mit den konsumierten Wegwerfprodukten stellt sich Kestas ganz in die Tradition des “objet trouvé”. Seine Vorgehensweise verschreibt sich dem sensibilisierten künstlerischen Umgang mit eigentlich kunstfremden Werkstoffen, wie es bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts und spätestens seit den einschneidenden Neudefinitionen tradierter Kunstauffassungen seit den 1960er-Jahren zu beobachten ist.
 
Die Kombinationsfreunde bei Kestas kann hingegen als ein dadaistischer Querverweis gedeutet werden. Die Verwendung von Tierfell lässt unweigerlich an ein Schlüsselwerk des aus der Dada-Kunst hervorgehenden Surrealismus denken, namentlich die berühmte Pelztasse, die Meret Oppenheim (1913-1985) im Jahr 1936 schuf und die zu einer vielzitierten Ikone in der Kunstgeschichte wurde. Mit ihrer Verspieltheit habe die Künstlerin ihre männlichen Kollegen im Paris der 1930er-Jahre fasziniert, so lauten die Gerüchte. Sowohl der Dadaismus als auch der Surrealismus sind diejenigen Strömungen, in denen vorzugsweise auf halbautomatische Techniken zurückgegriffen wurde, um Zufälle, Traumwelten und Unterbewusstsein in den Werken zum Ausdruck zu bringen.
 
Kunsthistorisch relevante Bezugsgrößen schmuggeln sich wie Rückblenden hinzu und verweisen auf epochemachende Kulturströmungen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts.  Die als avantgardistische Fußnoten in Dialog gebrachten, in ihrer Komposition reduzierten, leisen Miniaturen von Thomas Ring und Max Ackermann bilden einen humorvoll-hintergründigen Beigeschmack zu den “mobilisierten”, “unter Stromzufuhr stehenden” Installationen von Kestas.
 
Ein weiterer Überraschungs-, wenn nicht Verfremdungsmoment erzählt der bildhauerisch begabte wie technisch versierte Künstler, der an der Stuttgarter Kunstakademie studierte, durch das subtile Integrieren von Bewegungssensoren, die die Gebilde beim Annähern wortwörtlich in Bewegung versetzen. Der Rückgriff auf die Kinetik, in der mit beweglichen Objekten, Bewegungen und Spiegelungen von Licht gearbeitet wurde und die hauptsächlich in Kunstrichtungen der 1960er-Jahren populär wurde, werden bei Kestas zur individuellen Methode, um seine dahinterstehenden Aussagen "mit sozialpsychologischen und gesellschaftspolitischen Komponenten“  anzureichern. Ob wie panisch um sich schlagend, sich aufblasend, in die Höhe strebend oder leicht pulsierend kann uns die sich mal aufsehenerregend, mal fast unmerklich bewegende Installations- und Objektkunst von Kestas überraschen, begeistern oder uns bisweilen erschrecken.
 
(Text: Corinna Steimel)

22.02.2022 Entry # 12 – Thomas Lempertz - 'Spuren des Ichs'

Thomas Lempertz, Terpsichore
Thomas Lempertz, Terpsichore

„Eines der Ziele der „Schöpferischen Evolution“ ist zu zeigen,
dass das Ganze die gleiche Natur wie das Ich hat
und dass man es durch eine immer vollständigere Vertiefung
seiner selbst erfasst“. (Henri Bergson, 1907)
 
Thomas Lempertz - 'Spuren des Ichs'
 
Spitzenschuhe und Ballettstangen - Instrumente der Leichtigkeit oder Instrumente der Folter? Für den Objekt- und Performancekünstler und ehemaligen Solisten des Stuttgarter Balletts Thomas Lempertz, ist genau diese Ambivalenz der Schlüssel zu seiner Kunst!
 
 „Wie die Ballettstangen bieten auch die Spitzenschuhe den Tänzern Halt, sind aber noch wichtiger, da sie die Künstler über das Studio hinaus auf die Bühne begleiten. Es ist keine Übertreibung, die Schuhe als eine Verlängerung des menschlichen Körpers zu bezeichnen, fast wie ein Körperteil oder eine Prothese, die man trägt und die zu einem unverzichtbaren Teil der Tänzerin wird“. (Thomas Lempertz)

Bei der eher ironisch »Terpsichore« betitelten Skulptur (Terpsichore: Aus der griechischen Mythologie die Muse des Tanzes und der Chorlyrik) bricht der Künstler mit den damit verbundenen Erwartungen. Denn die ca. 2 Meter große Skulptur entspricht so gar nicht einer grazilen und anmutigen Muse des Tanzes! Ganz im Gegenteil lässt sich unter der abstrakten Auftürmung von rund 1000 zerstörten und neu arrangierten Spitzenschuhen weder ein Körper noch ein Gesicht oder gar Geschlecht erkennen. Vor uns steht eine schwerfällige, leidende und gequälte Figur, die gewaltsam von einer hölzernen Ballettstange durchbohrt wird. Dadurch hat die vermeintliche »Terpsichore« aufgrund eines fast schon überzogenen Materialaufwands ihre Leichtigkeit, Grazilität und Beweglichkeit eingebüßt.
Wäre da nicht der Spiegel: Trotz dieser gewaltigen Masse scheint die Figuration aber doch zu schweben; denn man sieht keinen Boden und damit wird die Ambivalenz zwischen der großen aufzuwendenden Kraft der Tanzenden und ihrer scheinbaren Leichtigkeit eindrucksvoll unterstrichen. Durch die waagerechte Ausrichtung des Spiegels werden hier die Betrachtenden selbst nur nebenbei in das Kunstwerk einbezogen. Der Mittelpunkt der Reflexion ist das Werk»Terpsichore« selbst, denn so verkörpert es den Kontrast des Balletttanzes zwischen enormer Disziplin, brachialer Kraftanstrengung und dem Paradoxon der schwebenden Leichtigkeit.
 
Unterstützt wird diese Ambivalenz auch durch die verwendeten Materialien und dem Herstellungsprozess. So verweisen neben dem Titel der Skulptur die rosafarbenen Spitzenschuhe mit ihren weichen Satinbändern auf weibliche Merkmale, während die Ballettstange aus Holz, sowie der Herstellungsprozess, auf männliche Merkmale hinweisen. Das Element der gewaltig daherkommenden Destruktion in seinem Werk beschreibt der Künstler folgendermaßen: „Das Biegen der Schuhe und das Umdrehen um das Kunstwerk zu schaffen, erfordert brachiale Kraft“.
Vielleicht aus Intuition heraus oder aber geprägt von langjährigen persönlichen Erfahrungen als Tänzer fasziniert Thomas Lempertz diese Verschmelzung von Werk und Selbst, oder mit den Worten der französisch-US-amerikanischen Künstlerin Louise Bourgeoise ausgedrückt: „Ich habe kein ICH. Ich bin mein Werk“.

Thomas Lempertz
Thomas Lempertz, Detailaufnahme Terpsichore
Bild von Willi Baumeister
Willi Baumeister, Prometheus

Der Installation »Terpsichore« von Thomas Lempertz sind zwei Arbeiten von Willi Baumeister als avantgardistische Fußnoten gegenübergestellt, dem in Tusche gemalten figurativen Frühwerk aus dem Jahr 1911 mit dem vor körperlicher Kraft strotzenden Titan “Prometheus” und dem zehn Jahre später entstandenen Werk 'Archaische Figur' (Apoll) von 1921. Ein spannungsvoller Dialog eröffnet sich zwischen den über ein Jahrhundert auseinanderliegenden Werken von Thomas Lempertz und dem zu den bedeutendsten Wegbereitern der internationalen Abstraktion zählenden Willi Baumeister. 

(Text: Birgit Wilde)

11.02.2022 Entry # 11 – Selçuk Dizlek und die Sprache der Substanz

Anlässlich der aktuellen Gruppenausstellung “Élan Vital-Poesie der Bewegung” stellt der Schweinfurter seine subtil die Gattungsgrenzen zwischen Malerei, Objekt, Relief, Bildhauerei, Interaktions- und Lichtkunst auslotenden Werkgruppen mit Zeichnungen und Skulpturen der Klassischen Moderne und des Informel in eindrücklichen Bezug.
 
Glas, Glanz und Gewebtes
 
Neben der Verwendung von Metall und dem eher partiell zum Einsatz kommenden Beton oder glasiertem Ton, bzw. Keramik, sind hauptsächlich Leuchtkästen oder -skulpturen, Lichtstelen oder -plastiken sowie Farbraumobjekte oder -reliefs aus reflektierenden, fluoreszierenden und transluziden Materialien wie Spiegel- oder Plexiglas nicht aus seinem Repertoire wegzudenken. Vor allem der letztgenannte, vollsynthetisch hergestellte Glasersatzstoff wird im Vergleich zu den übrigen im Werk des Künstlers zum Zuge kommenden Arbeitsmaterialien seit geraumer Zeit verstärkt aufgegriffen. 
 
Bereits im Jahr 2011 befand sich Selçuk Dizleks unter den 23 Künstlerpositionen, die vom Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe im Rahmen des Wettbewerbs “Gewebtes Licht” von einer internationalen Jury ausgewählt worden waren. Sein Beitrag stand in dieser Themenausstellung symptomatisch für ein Werk, bei dem das Licht selbst zu einem Kunstwerk erklärt werden kann.
 
Seine aus durchscheinend bunten wie farbneutralen Acrylglasteilen bestehenden Formationen, die im Sinne einer geometrisch-abstrakt-konkreten Grundform zu “Leucht- und Lichtstücken” gefasst werden, können sowohl aus sich selbst heraus, gesteigert durch natürlich einfallende Lichtquellen, als auch im abgedunkelten Raum unter Ultraviolett- oder Schwarzlicht-Beleuchtung farbenprächtigst erstrahlen. Im Wechsel der eingenommenen Standpunkte und abhängig von sich verändernden Lichtquellen, die sich über die Tages- wie Jahresverläufe ergeben, sind die Werke der steten Verwandlung unterworfen und lassen sich immer wieder anders erfahren und erkunden.

Ausstellungsansicht. Selcuk Dizlek im Dialog mit Gerlinde Beck und Peter Brüning 660x.jpg
Ausstellungsansicht. Selcuk Dizlek im Dialog mit Gerlinde Beck und Peter Brüning

Kunststoff im Kunstkontext
 
Die “Gebrauchsgeschichte” dieses im doppelten Wortsinn bedeutsamen “Kunststoffs” innerhalb der Zeit- und Kunsthistorie weist eine spannende Entfaltung auf, die sich - ursprünglich von einer Geschichtslosigkeit ausgehend - im Spiegel der wandelnden Zeiten vom Aufbruch der Moderne über die Zwischenkriegsjahre bis in die Nachkriegszeit vollzogen hat, um im zeitgenössischen Kunstkontext in seiner Präsenz ungebrochener denn je angetroffen zu werden. 
 
Zunächst fand das in den ausgehenden 1910er- Jahren technisch entwickelte Plastik, in Form von Bakelit oder Ebonit, Anwendung im profanen Bereich, um dann nahezu ohne Umwege von der Anhängerschaft progressiver Kunstrichtungen adaptiert zu werden. Als sichtbares Element ist es erstmals bei den Konstruktivisten nachzuweisen.
 
Ab Ende der 1920er- Jahre wurde zeitgleich in mehreren europäischen Ländern der transparente und thermoplastischen Werkstoff mit der fachlichen Bezeichnung “Polymethylmethacrylat”, in Deutschland unter Beteiligung des Chemikers Walter Bauer (1893–1968), hergestellt, um als bei Hitze leicht biegsames und anpassungsfähiges gläsernes Ersatzprodukt bereits ab Mitte der 1930er-Jahre auf den Markt zu gelangen. Seine Materialeigenschaften waren aufgrund seiner Flexibilität und Formbarkeit für die Kunstschaffenden aufregend. Die neuartigen Qualitäten wurden von den Avantgardisten für besondere plastische Formfindungen in neuen Raumkonzepten zur Gestaltung transparenter skulpturaler Bildwerke genutzt, also für andersartige Anwendungsgebiete, die mit traditionellem Glas nicht erschließbar oder möglich gewesen wären.
 
Eines der ersten „Alltagsprodukte“, bei dem Acrylglas angewandt wurde, war beispielsweise die Abdeckhaube für das von Hans Gugelot und Dieter Rams aus Metall und Holz entworfene Gehäuse der Radio-Plattenspieler- Kombination BRAUN SK 4 aus dem Jahr 1956 - einer heutigen Design-Ikone.
 
Über den Einsatz des geschichtsträchtigen Plexiglases in Verbindung mit den Phänomenen Licht und Farbe hinaus, reizt Selçuk Dizlek automatisch die Verschiebung seines ohnehin zwischen Malerei, Objektkunst- und Bildhauerei changierenden, interdisziplinären Werks bis an die Genregrenzen zum Design aus. Dies scheint auf dem Parkett der Kunst noch immer ein gewagter Schritt zu sein, der vor nicht allzu langer Zeit aufgrund der noch strenger und klarer verlaufenden Abgrenzungen zwischen den einzelnen künstlerischen Sparten eine Anmaßung, um nicht zu sagen, ein regelrechter Affront, gewesen wäre. 
 
Mit der Verwendung des Plexiglases stellt sich der junge Künstler in eine vor allem im Südwesten Deutschlands beständige künstlerische Tradition: Stellvertretend für die progressive Künstlerschaft im südwestdeutschen Raum waren etwa Paul Reich oder die in der aktuellen Ausstellung mit einfühlsamen Werken vertretene Gerlinde Beck seit Ende der 1950er-Jahre unter den ersten, die das neuartige, “unbelastete” Material in ihre Bildhauerei als ausdruckssteigernde Gestaltungselemente, in sogenannten “Lichtplastiken”, “Lichtketten”, Lichtschachs” oder “Lichtsäulen” und “Lichtstelen”, integrierten.
 
(Text: Corinna Steimel; Auszüge des Textes stammen aus dem Katalogbeitrag „Die Sprache der Substanz“ in der gerade erschienenen Publikation zur Einzelausstellung des Künstlers “in flux: LinieRaumLicht” in der Kunsthalle Schweinfurt)

08.02.2022 Entry # 10 – Tanz-Notizen zum Vormerken: Performance am letzten Februar-Sonntag

Der Februar wird uns bewegen. Denn es geht inmitten der aktuellen Ausstellung „Élan Vital – Poesie der Bewegung“ ganz nach dem im Titel anklingenden Motto der physischen wie psychischen Beweglichkeit. Alle Besuchenden dürfen sich am Sonntag, 27. Februar 2022, ab 17.00 Uhr über die  von Marilena Grafakos choreographierte Tanzperformance "circle of life" mit Studierenden der bekannten Tanz-Akademie Minkov in Winnenden freuen.
 
Das einzige staatlich anerkannte Private Berufskolleg in Baden-Württemberg für Bühnentanz und Tanzpädagogik war bereits im Jahr 2017 bei der Ausstellung „Skulpturale Raumchoreographien“ Kooperationspartner und begeisterte damals die Zuschauer*innen mit ihren Akteuren, die mit den Kunstwerken und Ausstellungsstücken der Bildhauerin Gerlinde Beck tänzerisch in Dialog gingen.
Die gegenwärtige Ausstellung „Élan Vital“ mit ihrer interdisziplinären Ausrichtung eignet sich erneut besonders gut für die Dynamik und Eleganz der darstellenden Kunst des Tanzes: Mit dem im gattungsüberschreitenden Konzept thematisierten Brückenschlag von den 1920er-Jahren, in denen der Ausdruckstanz in voller Blüte stand, über die schwungvoll-dynamischen 1960er-Jahre des Informel bis hin in die sich von jeglichen Konventionen befreiende Gegenwartskunst wird die Präsentation die perfekte Plattform für den Auftritt der angehenden Berufstänzer*innen bilden.

Führung zur Einstimmung um 15.00 Uhr

Zur Einstimmung wird am Sonntag, 27. Februar 2022, um 15.00 Uhr eine kostenlose, öffentliche Führung mit dem Kuratorinnen-Duo Birgit Wilde und Corinna Steimel geben. Die Veranstaltung im Museum Zehntscheuer (Pfarrgasse 2) findet wie gewohnt unter Einhaltung der folgenden Vorsichtsmaßnahmen statt – Änderungen sind vorbehalten.
Für Ihren Besuch in der Städtischen Galerie sowie dem temporär während der Ausstellung im Museumsfoyer eingerichteten Literatur-Café gilt weiterhin die 2G-Regelung. Außerdem gilt die Pflicht zum Tragen einer FFP2-Maske ab 18 Jahren (medizinische Alltagsmasken sind nicht ausreichend). Eine vorherige Anmeldung ist nicht erforderlich. Eintritt, Führung sowie Veranstaltung sind kostenlos. Das gesamte Galerie-Team freut sich auf Ihren Besuch.

23.12 2021 Entry # 9 – Neuzugang Oskar Schlemmer

Wie angekündigt, werden während der Laufzeit der als work-in-progress konzipierten Gruppenausstellung ÉLAN VITAL – Poesie der Bewegung“ noch weitere Glanzlichter integriert und damit ein sich stetig wechselndes anstatt statisch währendes Erscheinungsbild garantiert. Vor ein paar Tagen erst gesellte sich ein weiteres bedeutendes Werk aus der Sammlung der „Schenkung Bleicher“ ins Kabinett neben die Zeichnungen von Willi Baumeister und Gerlinde Beck dazu:

Die Lithografie „Figur H 2 (Sitzende) von Oskar Schlemmer (1888-1943) entstand in der Hauptschaffensphase des Künstlers exakt vor 100 Jahren als druckgrafsicher Beitrag für die berühmte erste Bauhaus-Mappe. Als Datierung wird 1921-1922 angegeben, was sich neben der von Esprit und Elan sprühenden Komposition geradezu für eine Hängung zwischen den Jahren 2021 und 2022 angeboten hat.
 
Das Motiv der „Sitzenden“ stellt ein wiederkehrender Bildinhalt des in Stuttgart geborenen, zu Weltruhm gelangten und 1943 in Baden-Baden verstorbenen Künstlers dar. Damit thematisierte er – auch im übertragenem Sinn zu deuten – die Stellung der menschlichen Figur im Raum (und auf höherer Ebene in der Welt). Wie Gliederpuppen, die er in ihre stereometrischen Einzelteile zerlegt und wieder zusammensetzt, untersucht er die miteinander in harmonischem Bezug stehenden körperlichen und räumlichen Proportionen. Die Figuren erscheinen einzeln oder als ineinandergreifende Gruppen wie in oder auf einem Bühnenraum angeordnet.
 
Die Zeichnungen und Gemälde von Oskar Schlemmer in Form von geometrisierten Figurationen in Verbindung zu choreografischen Inszenierungen war eines der Hauptanliegen des Schöpfers vom „Triadischen Ballett“, diesem einzigartigen Gesamtkunstwerk, das Ende September 1922 am Württembergischen Landestheater uraufgeführt wurde.
 
In der aktuellen Ausstellung schafft das Blatt die Verbindung zu den sich vis-a-vis zeigenden, effektvoll präsentierten Werken des zeitgenössischen Künstlers Thomas Lempertz, dem ebenfalls international bekannten, ehemaligen Tänzer am Stuttgarter Staatsballett.

08.12.2021 Entry # 8 – Literatur-Café zur Ausstellung

„Im Geist der Zwanziger Jahre – im Gestern wie in der Gegenwart“
Literatur-Café zur Ausstellung "Élan Vital – Poesie der Bewegung" im Foyer der Städtischen Galerie Böblingen

Neben dem Spiegelsaal, der Empore, dem Balkon und dem Kabinett stellt das ausstellungsbegleitend eröffnete Literatur-Café im Museumsfoyer mit seiner ausgewählten, bereitgestellten Lektüre eine weitere belebende und informative Ergänzung zu den in den Ausstellungsräumen gezeigten Werken dar.
Nehmen Sie Platz in der gemütlichen Lese-Ecke – gestaltet im Geist der 1920er- und 1960er-Jahre – und tauchen Sie ein in diese kleine kulturelle Oase, um sich in passendem Ambiente mit dem Zeitgeist der Avantgardisten vor 100 Jahren auseinanderzusetzen. Sie werden erstaunt sein: Einige Erkenntnisse von damals sind ungebrochen und finden sich als Parallelen über die Nachkriegszeit hinweg bis in die Jetztzeit wieder.

Wie bereits im Logbucheintrag # 2 detailliert beschrieben, bildet den gedanklichen Rahmen zu dieser Ausstellung der Einfluss der lebensphilosophischen Ideen von Henry Bergson, der zwischen 1907 und 1914 der wohl am heftigsten diskutierte Philosoph weltweit war und der mit seiner Lebensphilosophie der schöpferischen Entwicklung einen nachhaltigen Eindruck auf seine Zeitgenossen ausgeübt hat.
 
Daher unser Lese-Tipp für den Bildschirm zu Hause:
http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/191/  
„Henri Bergson und der Innere Klang in der Kunsttheorie Wassily Kandinskys“ von Evelin Priebe.

07.11 2021 Entry # 7 – Impressionen der Sonderausstellung

Heute zeigen wir Ihnen einige Impressionen aus der gestarteten Sonderausstellung.

Kunst
Birgit Wilde: Lebensabläufe 2007, Foto von Marcus Gwiasda
Birgit Wilde, Foto: Matthias Witschel
Selcuk Dizlek: Leuchtkringelwandinstallation 2021, Foto von Marcus Gwiasda
Thomas Lempert
Thomas Lempert: Terpsichore Installation aus Spitzenschuhen, Foto von Marcus Gwiasda

 
Selçuk Dizlek Farbkringel 2021.jpg
Selcuk Dizlek: Leuchtkringel 2021, Foto von Marcus Gwiasda
Birgit Wilde: Schwarzer Walzer und Manuela Tirler Weed VII Eisendraht-Installation, Foto von Marcus Gwiasda
Birgit Wilde: Schwarzer Walzer und Manuela Tirler Weed VII Eisendraht-Installation, Foto von Marcus Gwiasda
Birgit Wilde_Schwanenegsang und Kestas Svirnelis_Himmelswischer_Foto von Marcus Gwiasda.jpg
Birgit Wilde:Schwanenegsang und Kestas Svirnelis Himmelswischer, Foto von Marcus Gwiasda
Kestas Svirnelis_Mit sich selbst_2019_Foto von Marcus Gwiasda.jpg
Kestas Svirnelis: Mit sich selbst 2019, Foto von Marcus Gwiasda

07.11 2021 Entry # 7 – Einführungsrede zur Eröffnung

Foto von der Eröffnung am 7.November 2021_Am Rednerpult Galerieleiterin Corinna Steimel.jpg
Eröffnung am 7.November 2021 -Am Rednerpult Galerieleiterin Corinna Steimel

Hier (36,8 KiB) können Sie die Einführungsrede zur Eröffnung der Ausstellung “ÉLAN VITAL - Poesie der Bewegung” am 7. November 2021 von Corinna Steimel im PDF-Format ansehen.
 

02.11 2021 Entry # 6 – Die teilnehmenden Künstler:innen III

Ab jetzt bewegen wir uns mit großen Schritten auf Sie zu: In den kommenden Woche stellen wir die teilnehmenden Künstler:innen vor.

Gruppe auf Treppe
von links: Manuela Tirler, Thomas Lempertz, Corinna Steimel, Birgit Wilde, Kestutis Svirnelis, Tina Schneider (Selçuk Dizlek fehlt) (Foto: Dietmar Wilde)
Birgit Wilde, Foto: Matthias Witschel
Birgit Wilde, Foto: Matthias Witschel

BIRGIT WILDE
Konzept- und Objektkunst, Installationen, Performance

1965 in Sindelfingen geboren, lebt und arbeitet in Rouffilhac (Frankreich) und in Cape Coral /Florida (USA)

2005-08 Studium der Freien Kunst und Bildhauerei an der Freien Kunstschule Nürtingen (FKN), bei Mario Ohno, und an der Hochschule für bildende Künste (HFBK) Hamburg, bei Michael Lingner und Jonathan Monk                                                              

2008 Abschlussarbeit an der FKN bei Mario Ohno verbunden mit der Planung und Organisation der Ausstellung ≫Fabelhaftes≪ im Schloss Dätzingen; Nominierung für den Celeste Kunstpreis, Berlin

2009 Gründung des Ausstellungskonzepts ≫ART SOUS TERRAIN≪ als experimentelle Plattform für Künstler, die soziale, politische und kulturelle Entwicklungen in ihren Arbeiten umsetzen, Kulturkreis Grafenau, Schlosskeller Dätzingen

2012-15 Studium der Kunstgeschichte und Empirischen Kulturwissenschaft an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Abschluss Bachelor

2015-18 Masterstudiengang Kunstgeschichte (5 Semester) an der Eberhard Karls Universität Tübingen

2013 Gaststudentin bei Prof. Rainer Ganahl an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste (abk) Stuttgart

seit 2018 Projektarbeit ≫Die Sprache des Materials≪ mit dem Department Werkstoffwissenschaften der Universität Erlangen, bei Dr. Ing. Tobias Fey

Gruppenausstellungen
2017 ≫unausgesprochen≪, ART SOUS TERRAIN, Schloss Dätzingen, Grafenau
2015 ≫Spuren des Ichs≪, ART SOUS TERRAIN, Schloss Dätzingen
≫Die Klasse der Damen– Künstlerinnen erobern sich die Moderne≪, Städtische Galerie Böblingen
2014 ≫Vertraute Fremde – Vorstellungsbilder über das Andere≪, Städtische Galerie Böblingen
2013 ≫Deadly Nightshade≪, galerie l’inlassable Galerie, Paris
2011 ≫Die Nähe der Ferne≪, Schlosskeller Dätzingen, Grafenau
≫Die Sprache des Materials≪, Schlosskeller Dätzingen, Grafenau
2008 ≫Celeste Kunstpreis≪, Berlin ≫Alptraum≪, Magdeburg, mdr
2007 ≫Anhang≪, Hamburg, City Nord
≫Unausgesprochen≪, ART SOUS TERRAIN, Schlosskeller Dätzingen
 
Kurationen und Ausstellungsprojekte
2018 ≫Rissfest≪ zusammen mit Rita Graf, Kulturkreis Grafenau, Schloss Dätzingen
2016 ≫gesehen von hier aus≪, ART SOUS TERRAIN, Schlosskeller Dätzingen
2012 ≫Entgrenzung des Sichtbaren≪, Kulturkreis Grafenau, Schloss Dätzingen 

Birgit Wilde, Je suis ˟, 2015, Privatbesitz
Birgit Wilde, Je suis ˟, 2015, Privatbesitz

 

Artist Statement:
Die Auseinandersetzung mit zeitgenössischen wissenschaftlichen Erkenntnissen hinsichtlich Material- und Formsprache, sowie künstlerischen und philosophischen Theorien verbunden mit Querbezüge zur Literatur prägen meine Arbeiten. Im Fokus stehen dabei Bewegungen im sozialen und politischen Raum, die sich wie kleine Randnotizen im Großen und Ganzen lesen lassen. Dieses subjektive Schaffensprinzip einer permanenten inneren Notwendigkeit der Kommentierung führt zu einem heterogenen Erscheinungsbild meiner Arbeiten.Birgit Wilde, 2021   www.birgit-wilde.com

 

Selcuk Dizlek
Selcuk Dizlek

Selçuk Dizlek
geb. 1976 in Schweinfurt
 
1996 - 2002 Studium an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, bei Prof. Knaupp
                                                                      
1997 Studienaufenthalt in New York und Sahara (Libyen)
 
2000 Ernennung zum Meisterschüler

Ausstellungen (Auswahl seit 2011):
2022 Kunsthalle Schweinfurt – Preisträger der IV. Triennale
Internationaler André Evard-Preis für konkret-konstruktive Kunst; IV. Triennale Kunsthalle Schweinfurt – Raumzustände; 4. Biennale der Zeichnung, Kunstmuseum Erlangen;
„Orient trifft Okzident“, Rathaushalle Schweinfurt; „Zwischentöne“, Kunstsalon München / Ägyptisches Museum; „Ceci n´est pas une lampe“, GKG Bonn;
KunstSalong, Kunsthalle Schweinfurt; „Gewebtes Licht“, ZKM Karlsruhe; „Ortung VII, Im Zeichen des Goldes“ – Schwabacher Kunsttage

 

Selçuk Dizlek Farbkringel (Detailaufnahme) 2021.jpg
Selçuk Dizlek, Farbkringel (Detailaufnahme) 2021

Artist Statement
Grundsätzlich stehen meine skulpturalen Gestaltungen im engen und komplexen Beziehungsgeflecht zueinander. Die in der Städtischen Galerie Böblingen gezeigten Plexiglas- und Betonarbeiten suggerieren durch ihre Beschaffenheit Eigenschaften von Bewegung wie die Ausdehnung, Lichtstreuung, den Prozess der Herstellung und fordern aktiv die Bewegung des Betrachters heraus. Auf den Hintergründen einer Werkserie (o.T., 2020) sind beispielsweise verschieden vertiefte Linien zu sehen, die sich diagonal in einem bestimmten Winkel zur Bildfläche fortsetzen und diese damit zerteilen. Durch die Möglichkeit der zusätzlichen Beleuchtung mit künstlichem Licht beginnen die Arbeiten noch stärker zu vibrieren. Auf diese Weise wird der Betrachter permanent aufgefordert, seine Sehgewohnheiten und sich selbst zu hinterfragen.
 
Auszeichnungen:
2018 1. Preis – Triennale Kunsthalle Schweinfurt
2010 Kunstpreis Buttenwiesen
2009 Auszeichnung Lichtpreis Gräfelfing/München
2001, 2003 Kunsthaus Nürnberg, Anerkennungspreis beim Nürnberger Nachrichtenpreis
 
www.selcuk-dizlek.com

28.10 2021 Entry # 5 – Die teilnehmenden Künstler:innen II

Ab jetzt bewegen wir uns mit großen Schritten auf Sie zu: In den kommenden Woche stellen wir die teilnehmenden Künstler:innen vor.

Gruppe auf Treppe
von links: Manuela Tirler, Thomas Lempertz, Corinna Steimel, Birgit Wilde, Kestutis Svirnelis, Tina Schneider (Selçuk Dizlek fehlt) (Foto: Dietmar Wilde)
Manuela Tirler, Foto: Dietmar Wilde
Manuela Tirler, Foto: Dietmar Wilde

Manuela Tirler
 
1977 geboren in Stuttgart, aufgewachsen in Morristown /Tennessee und Wiernsheim / Enzkreis
1998 Freie Kunsthochschule Nürtingen
2002 - 2008 Studium der Freien Bildhauerei und  Freien Kunst an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart, bei Werner Pokorny, Micha Ullman, Markus Ambach und Rainer Ganahl
2007 Studienaufenthalt mit dem Baden-Württemberg-Stipendium in San Francisco, USA
2009 - 2010 Akademiestipendium, d.h. Aufbaustudium, Staatliche Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart
2008 - 2010 Atelierstipendium Stadt Nürtingen
2010 - 2013 Atelierstipendium Landkreis Esslingen
 
Mitglied im Künstlerbund Baden-Württemberg



  

Manuela Tirler Detailaufnahme Weed Installation Yvy VII 2021 167x107x25cm Stahl gerostet pg
Manuela Tirler, Detailaufnahme Weed Installation Yvy VII, 2021, 167x107x25cm, Stahl, gerostet
 

Artist Statement:
Beobachtungen in der Natur werden vereinfacht, reduzieren Pflanzliches auf ihr „Gerippe“ und ihre Überreste: Bonsai und Buchsbaum sind entlaubt und beschnitten, Rasterbepflanzungen, Bannwälder, Waldhänge im Winter, Reben und Alleen, trockene Erde bilden grafisch-plastische Formen. Wesentliches wird sichtbar. Module entstehen, die sich bewegen, miteinander ringen, gruppieren, sich auflösen und verfestigen im ständigen Wandel. Eine Plastik entsteht aus der anderen, wie Meilensteine aus geordnetem Chaos. Luftige Strukturen reformieren sich meterhoch und tonnenschwer in der Plastik. Durch die Begrenzung des Bodens und des architektonischen Raumes entsteht Form, durch ihre lineare, kreisförmige oder zufällige Rotation wird diese geprägt und bezieht den Luftraum spielerisch mit ein. Die stählernen Schraffuren im Raum erfinden und erweitern sich ständig neu. Jedes Mal ein Abenteuer.
Manuela Tirler, 2021

Auszeichnungen. Auswahl
 
2005 Preis der Freunde der Akademie für „Raum und Zeit“
2006 Preis der Freunde der Akademie für „Museum für Sedimentierte Kunst“
2006 Akademiepreis für „Museum für Sedimentierte Kunst“
2006 Ausschreibungsgewinn und Umsetzung der Skulptur „Waldstück für den Skulpturenradweg Osterburken (im Neckar-Odenwald-Kreis)
2007 Stipendium der Landesstiftung Baden-Württemberg für California / USA
First „Mixed Media“-Award der Galerie Calstate East Bay, California
2008 3. Klettpassagenpreis und Realisierung der Arbeit
2009 Preisträgerin des Gerlinde-Beck-Preises (Gerlinde-Beck-Stiftung)
2010 Debütantenpreis der Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart
2021 Projektstipendium Land Baden-Württemberg
 
www.manuela-tirler.de

 

Tina Schneider, 2021, Foto: Dietmar Wilde

Tina Schneider
 
1974 in Stuttgart - Bad Cannstatt geboren                  
1996 - 2003 Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart: Bildende Kunst und Intermediales Gestalten an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, bei den Professoren Moritz Baumgartl, Sotirios Michou und Henk Vish
lebt und arbeitet in Stuttgart




  


 
 
 

 
 

Tina Schneider, Herstellungsprozess der Galoppierende Pferde, 2021

Ausstellungen:
2019 Taufrisch 5, Gedok, Stuttgart
2017 Jahresausstellung. Freie Kunsttschule Nürtingen
2015 Be a Sport, Art Gallery of Mississauga, Canada
2014 Endlosschleife, Mitgliederausstellung des Württembergischen Kunstverein, Stuttgart
2007 Konzeptuelle Ansätze zum Thema Landschaft, Kunstverein Filderstadt
2004 My Blood Is Electric, The Spitz Gallery, London
2004 Bodyworks, The Nicosia Municipal Arts Centre, Zypern
2002 Bodypower/ Powerplay,
Württembergischer Kunstverein, Stuttgart 
2001 Aggregate, Kunsthalle Kornwestheim
1997 Das schöne neue Bild, Alpirsbacher Galerie, Alpirsbach

Artist Statement:
Mein Material ist Holz und die Darstellungen sind realistisch. Das Holz wird meist mit der Kettensäge zunächst grob in Form gebracht, bevor es weiterbearbeitet wird. Dafür kommen unterschiedliche Werkzeuge zum Einsatz. Die Spuren der verschiedenen Werkzeuge bleiben sichtbar. Die Ausarbeitung der Figuren ist unterschiedlich und variiert von grob bis fein. Gesichter, vor allem menschliche, sind detailreicher und feiner, manchmal werden die Werkzeugspuren durch Schleifen abgeschwächt, während z.B. Haare die für die Kettensäge typischen groben Spuren aufweisen. Den Abschluss bildet die Bemalung, meist in Lokalfarbe gehalten.
Tina Schneider 2021
 
www.tinaschneider.eu

26.10 2021 Entry # 4 – Die teilnehmenden Künstler:innen I

Ab jetzt bewegen wir uns mit großen Schritten auf Sie zu: In den kommenden Woche stellen wir die teilnehmenden Künstler:innen vor.

Gruppe auf Treppe
von links: Manuela Tirler, Thomas Lempertz, Corinna Steimel, Birgit Wilde, Kestutis Svirnelis, Tina Schneider (Selçuk Dizlek fehlt) (Foto: Dietmar Wilde)
Kestutis Svirnelis Foto Dietmar Wilde 2021
Kestutis Svirnelis, Foto: Dietmar Wilde

Kestutis Svirnelis      Bildhauerei, Zeichnung, Installationen, Objekte                                                                                                                                                                  1976 in Varena/Litauen geboren, studierte von 1997-2002 Bildhauerei an der Kunstakademie in Vilnius/Litauen, bei Prof. Dalia Matulaite und Prof. Petras Mazuras.Von 2002-2009 setzte er sein Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in  Stuttgart, bei Prof. Werner Pokorny, Micha Ullman und Christian Jankowski fort.           2007 ermöglichte ihm ein Erasmus-Stipendium einen halbjährigen Aufenthalt an der Universidad Complutense in Madrid/Spanien.

Kestutis Svirnelis, Atelieraufnahme 2021
Kestutis Svirnelis, Atelieraufnahme 2021

Einzelausstellungen (Auswahl)
2019 Galerie Meno Niša Vilnius/Litauen                                                                                 
2018 Aparat, Gleixner Art-Meno Nisa, Düsseldorf Deutschland /  2018 Dzyvu  Dzyvai, Städtische Galerie Varena Litauen / 2017 Šerstis, Galerie Meno Niša Vilnius / Litauen / 2017 Ohne nix passiert nix, LOTTE, Stuttgart Deutschland / 2017 Schleuse 16 , Böblinger Kunstverein für Stadt und Landkreis Deutschland / 2015 Fauna und Flora, Kunstverein für den Rhein-Sieg-Kreis e.V. Siegburg / 2014 Motoras Lateksas ir Oras, Galerie AV/17, Vilnius Litauen / 2014 PUP UP Galerie, Vilnius Litauen / 2014 Just – Episoden in der Calwer Passage, Stuttgart Deutschland / 2009 Kestutis Svirnelis, Galerie Schuster, Berlin Deutschland             

Seit 2013 Mitglied im Künstlerbund Baden-Württemberg



  

 
 
 
Artist Statement:
Meine künstlerische Praxis verstehe ich als eine Art „philosophie laboratoire“, eine Haltung, die ich aus meinen Arbeitsprozessen heraus entwickle. Die oftmals kinetischen Skulpturen – empathische Maschinen – sind Brücken meiner Fragen an die Welt. So agiere ich anteilig als Ingenieur, Soziologe, Vordenker und Nutzer und finde mich stets in der Befragung der Beziehung von Mensch und Technik wieder. Das Denken wie auch das Handeln bedient sich dabei immer künstlerischer Strategien und Mittel.
Kestas Svirnelis, 2021
 
Auszeichnungen (Auswahl)
 
2006 gewann er mit seiner Installation »Pusteblume« den ersten Preis beim einem       
Wettbewerb im Rahmen des Projekts »Kunst im Kreisverkehr« und realisierte sie Ebersbach an der Fils. Kesutis Svirnelis wurde 2007 mit dem DAAD-Preis der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart und 2009 mit dem Atelierstipendium des Künstlerhaus Stuttgart ausgezeichnet.
 
http://www.svirnelis.com

 

Thomas Lempertz 2021, Foto: Dietmar Wilde

Thomas Lempertz
                                                                      
in Pforzheim geboren, studierte Tanz an der John-Cranko-Schule und war später Teil der Compagnie des Stuttgarter Balletts, u.a. als Solist unter Reid Anderson. Nach seiner Karriere als Tänzer widmete er sich dem Bereich Kostümdesign und studierte „Intermediales Gestalten“ bei „Discoteca Flaming Star“ an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Heute ist seine Arbeit geprägt von der Verbindung der Disziplinen Performance, Tanz, Fotografie und Objektkunst.



  


 
 
 
 

FAR BECOMES NEAR, 2020, 70 x 100 cm (Foto, Silikon, Holz, Stahl)

Artist Statement:
Meine Werke sind geprägt von der experimentellen Arbeit im Raum. Dabei werden dreidimensionale Bewegungen mit verschiedenen Materialien und Verfahren eingefangen und in Objekte übertragen. Alle Arbeiten haben einen physischen Ursprung als Ausgangspunkt, das können Erinnerungen an den Körper sein oder instinktive Gedanken, die durch eine Situation ausgelöst werden. Meine Fotografien dienen oft als Grundlage für weitere Arbeiten mit Silikon – ein Material, dessen Beschaffenheit die Fertigstellung einer Arbeit innerhalb einer bestimmten Zeit vorschreibt. Ohne die Möglichkeit, das Endprodukt zu optimieren oder vorherzubestimmen, setzt die Arbeit mit Silikon eine unvermeidliche Zufälligkeit voraus, die Akzeptanz verlangt und jede Hinterfragung ablehnt.

Wie ein Tänzer auf der Bühne, der in ständiger Bewegung ist, arbeite ich kontinuierlich gleichzeitig an mehreren Werken, was zu einem fließenden und reaktionsfähigen Prozess führt, um sicherzustellen, dass ich nie zum Stillstand komme.
Thomas Lempertz, 2021


www.thomaslempertz.com

21.10 2021 Entry # 3 – Unsere Ausstellung bekommt ein Gesicht

Unsere Ausstellung bekommt ein Gesicht:

 

Logo Poesie der Bewegung

14.10 2021 Entry # 2 – Informationen zum Ausstellungstitel

Infos zum Ausstellungstitel                                                                                                            
 
Der klangvolle Ausstellungstitel „Élan Vital – Poesie der Bewegung“ bezieht sich einerseits auf die künstlerische Avantgarde zu Beginn des Jahrhunderts und andererseits auf das epochemachende Hauptwerk ”L’évolution créatrice“ des französischen Philosophen Henri Bergson (1859 in Paris – 1941 ebenda), für das er im Jahre 1927 den Nobelpreis für Literatur erhielt und in dem er den Begriff „élan vital" prägte. In der deutschen Ausgabe wurde es mit "Schöpferische Entwicklung" betitelt.
 
Indem der Philosoph diese aus dem Französischen frei als „Lebensschwungkraft“ oder “Lebensimpuls“ übersetzte Begrifflichkeit 1907 erstmals formulierte, gilt er neben Friedrich Nietzsche und Wilhelm Dilthey als einer der bedeutendsten Begründer der sogenannten Lebensphilosophie. 

Henri Bergson 1927
Henri Bergson 1927
Signatur Henri Bergson

  
Der Kosmos als Wirkungsraum von widerstreitenden Kräften (Kraft und Gegenkraft)                                                                     
                                                                                                                                        
Das Leben selbst versteht Henri Bergson als permanenten kreativen Prozess, der sichvaus den gegensätzlichen Bewegungsabläufen des Vorwärtsdrangs und immer wieder gefolgt von Erstarrung und Beharrung speist. Er stellte fest:
„Die Bewegung ist ohne Zweifel die Realität selbst; die Bewegungslosigkeit dagegen immer nur scheinbar und relativ“. Demnach gäbe es „keine entstandenen Dinge, sondern lediglich Dinge, die entstehen, keine sich erhaltenden Zustände, sondern nur wechselnde Zustände“. Diese permanente Bewegtheit alles Seienden geht nach seinem Verständnis auf eine ursprüngliche Kraft, dem „élan vital”, zurück, die am Ursprung des Lebens steht und fortwährend zu neuem Gestalten drängt.                                                                                                                    
 
Das Gestern wird in die Gegenwart katapultiert
 
Die Ausstellung nimmt verschiedenartig Bezug auf die gegenwärtigen Lebensrealitäten und schlägt eine Brücke zwischen Gestern und Gegenwart.
 
Zweifellos hat Henri Bergson mit seiner Philosophie der schöpferischen Entwicklung den nachhaltigsten Eindruck auf seine Zeitgenossen ausgeübt. Die Problemkreise seines Denkens waren geradezu identisch mit den Themen, die besonders die expressionistische Künstlerschaft vor 100 Jahren neben den kubistischen, futuristischen, konstruktivistischen und den dadaistischen KünstlerInnen bewegten und stark beeinflussten.
 
Heute stehen wir erneut vor politischen, gesellschaftlichen und künstlerischen Fragestellungen, geradezu Umbrüchen, die starke Parallelen zur letzten Jahrhundertwende aufweisen. Der technische Fortschritt und umso mehr der digitale Siegeszug wurden seither immer rasanter und kolossaler. Erfolg und Profit sind immer mehr zu Aushängeschildern der modernen Massengesellschaft geworden. Obwohl man heute von jedem Ort aus und zu jeder Zeit virtuell in Verbindung treten kann, verarmt die direkte und persönliche Kommunikation zusehends. Neben der hochbejubelten globalen Vernetzung wird als paradoxe Gegenposition wieder Misstrauen geschürt und die Angst vor Verfremdung oder weltweiten Krisen gar Kriegen, nimmt stetig zu.                  
 
Mit dem Anbruch der 2020er-Jahre erscheinen die damals gefundenen Positionen und Sichtweisen im Blick auf die Jetztzeit aktueller denn je. Damals wie heute – noch verstärkt durch die „eingefrorene und kontaktlose“ Zeit während der Corona-Krise –ging und geht es um die Gegenpole Verstand und Intuition, Materie und Geist, Leib und Seele, Raum und Zeit, Automatismus und Willensfreiheit: auf den Punkt gebracht also um „Élan Vital”.

01.10 2021 Entry # 1 – Zur Idee des Ausstellungsprojektes

Zur Idee des Ausstellungsprojekts
 
Unter dem Titel "Elan Vital - Poesie der Bewegung" werden an verschiedenen Orten (Böblingen, Grafenau-Dätzingen und Sindelfingen) unterschiedliche Präsentationen, partizipatorische Projekte und Performances stattfinden.
Die Auswahl der Schauplätze ist dabei nicht willkürlich, sondern wird bewusst nach raum- und spartenbezogenen wie gesellschaftspolitischen und kulturellen Besonderheiten der jeweiligen Stadt ausgerichtet. Im Mittelpunkt steht die Formation von Kunst, Literatur, Theater, Musik und Tanz. Die unterschiedlichen Gattungen und künstlerischen Ausdrucksweisen werden im Geist der 1920er-Jahre verstanden und zu einem Gesamtkunstwerk zusammengeführt.
 
 
 
Bewegung als Konzept
 
"Das Potential einer Bewegung ist weder von ihrem Ausmaß noch von ihrer Natur abhängig, sondern von dem, was sie zum Einsatz bringt." (Laurence Louppe)

Foto: Dietmar Wilde

"Elan Vital - Poesie der Bewegung" ist ein kuratiertes, künstlerisches Ausstellungsprojekt. Der Fokus liegt auf der Bewegung im allgemeinen Sinne, die sich als interdisziplinärer Faden durch die geplanten Ausstellungen (Böblingen, Grafenau und Sindelfingen) zieht. So werfen die künstlerischen Exponate vielfältige Fragen auf, etwa danach, wie sich etwas in Bewegung bringen lässt, in welchen Dimensionen wir uns gedanklich bewegen, wohin – ob vorwärtsgewandt oder rückwärtsgerichtet – wir uns bewegen, und was wir in unserem Leben letztendlich überhaupt bewegen können.