ONLINE LOGBUCH DES KURATORINNENTEAMS Corinna Steimel & Birgit Wilde

Élan Vital - Poesie der Bewegung

Foto: Dietmar Wilde

Wir begrüßen Sie herzlich auf der Internetseite der Städtischen Galerie Böblingen und freuen uns sehr über Ihr Interesse an unserer umfangreichen Gruppenausstellung "Elan Vital - Poesie der Bewegung", die am 7. November 2021 startet und bis zum 20. März 2022 andauert.

Bleiben Sie ab jetzt auf dem Laufenden und begleiten Sie uns im extra für Sie eingerichteten Online-Logbuch bei den Last Minute-Schritten bis zur Eröffnung, sowie bei den kontinuierlichen Abläufen während der gesamten Laufzeit der Schau. Zudem können Sie aus den wöchentlich erfolgenden Internet-Einträge mehr über das Konzept, über die Hintergründe, über den französisch klingenden Ausstellungstitel, sowie über die in der Schau gezeigten zeitgenössischen Künstler*innen, die mit den Avantgardist*innen in spannungsreichen Dialoge treten, erfahren.
 

21.10 2021 Logbuch - Entry # 3

Unsere Ausstellung bekommt ein Gesicht:

 

Logo Poesie der Bewegung

Ab jetzt bewegen wir uns mit großen Schritten auf Sie zu: In der kommenden Woche stellen wir die teilnehmenden Künstler:innen vor.

14.10 2021 Logbuch - Entry # 2

Infos zum Ausstellungstitel                                                                                                            
 
Der klangvolle Ausstellungstitel „Élan Vital – Poesie der Bewegung“ bezieht sich einerseits auf die künstlerische Avantgarde zu Beginn des Jahrhunderts und andererseits auf das epochemachende Hauptwerk ”L’évolution créatrice“ des französischen Philosophen Henri Bergson (1859 in Paris – 1941 ebenda), für das er im Jahre 1927 den Nobelpreis für Literatur erhielt und in dem er den Begriff „élan vital" prägte. In der deutschen Ausgabe wurde es mit "Schöpferische Entwicklung" betitelt.
 
Indem der Philosoph diese aus dem Französischen frei als „Lebensschwungkraft“ oder “Lebensimpuls“ übersetzte Begrifflichkeit 1907 erstmals formulierte, gilt er neben Friedrich Nietzsche und Wilhelm Dilthey als einer der bedeutendsten Begründer der sogenannten Lebensphilosophie. 

Henri Bergson 1927
Henri Bergson 1927
Signatur Henri Bergson

  
Der Kosmos als Wirkungsraum von widerstreitenden Kräften (Kraft und Gegenkraft)                                                                     
                                                                                                                                        
Das Leben selbst versteht Henri Bergson als permanenten kreativen Prozess, der sichvaus den gegensätzlichen Bewegungsabläufen des Vorwärtsdrangs und immer wieder gefolgt von Erstarrung und Beharrung speist. Er stellte fest:
„Die Bewegung ist ohne Zweifel die Realität selbst; die Bewegungslosigkeit dagegen immer nur scheinbar und relativ“. Demnach gäbe es „keine entstandenen Dinge, sondern lediglich Dinge, die entstehen, keine sich erhaltenden Zustände, sondern nur wechselnde Zustände“. Diese permanente Bewegtheit alles Seienden geht nach seinem Verständnis auf eine ursprüngliche Kraft, dem „élan vital”, zurück, die am Ursprung des Lebens steht und fortwährend zu neuem Gestalten drängt.                                                                                                                    
 
Das Gestern wird in die Gegenwart katapultiert
 
Die Ausstellung nimmt verschiedenartig Bezug auf die gegenwärtigen Lebensrealitäten und schlägt eine Brücke zwischen Gestern und Gegenwart.
 
Zweifellos hat Henri Bergson mit seiner Philosophie der schöpferischen Entwicklung den nachhaltigsten Eindruck auf seine Zeitgenossen ausgeübt. Die Problemkreise seines Denkens waren geradezu identisch mit den Themen, die besonders die expressionistische Künstlerschaft vor 100 Jahren neben den kubistischen, futuristischen, konstruktivistischen und den dadaistischen KünstlerInnen bewegten und stark beeinflussten.
 
Heute stehen wir erneut vor politischen, gesellschaftlichen und künstlerischen Fragestellungen, geradezu Umbrüchen, die starke Parallelen zur letzten Jahrhundertwende aufweisen. Der technische Fortschritt und umso mehr der digitale Siegeszug wurden seither immer rasanter und kolossaler. Erfolg und Profit sind immer mehr zu Aushängeschildern der modernen Massengesellschaft geworden. Obwohl man heute von jedem Ort aus und zu jeder Zeit virtuell in Verbindung treten kann, verarmt die direkte und persönliche Kommunikation zusehends. Neben der hochbejubelten globalen Vernetzung wird als paradoxe Gegenposition wieder Misstrauen geschürt und die Angst vor Verfremdung oder weltweiten Krisen gar Kriegen, nimmt stetig zu.                  
 
Mit dem Anbruch der 2020er-Jahre erscheinen die damals gefundenen Positionen und Sichtweisen im Blick auf die Jetztzeit aktueller denn je. Damals wie heute – noch verstärkt durch die „eingefrorene und kontaktlose“ Zeit während der Corona-Krise –ging und geht es um die Gegenpole Verstand und Intuition, Materie und Geist, Leib und Seele, Raum und Zeit, Automatismus und Willensfreiheit: auf den Punkt gebracht also um „Élan Vital”.

01.10 2021 Logbuch - Entry # 1

Zur Idee des Ausstellungsprojekts
 
Unter dem Titel "Elan Vital - Poesie der Bewegung" werden an verschiedenen Orten (Böblingen, Grafenau-Dätzingen und Sindelfingen) unterschiedliche Präsentationen, partizipatorische Projekte und Performances stattfinden.
Die Auswahl der Schauplätze ist dabei nicht willkürlich, sondern wird bewusst nach raum- und spartenbezogenen wie gesellschaftspolitischen und kulturellen Besonderheiten der jeweiligen Stadt ausgerichtet. Im Mittelpunkt steht die Formation von Kunst, Literatur, Theater, Musik und Tanz. Die unterschiedlichen Gattungen und künstlerischen Ausdrucksweisen werden im Geist der 1920er-Jahre verstanden und zu einem Gesamtkunstwerk zusammengeführt.
 
 
 
Bewegung als Konzept
 
"Das Potential einer Bewegung ist weder von ihrem Ausmaß noch von ihrer Natur abhängig, sondern von dem, was sie zum Einsatz bringt." (Laurence Louppe)

Foto: Dietmar Wilde

"Elan Vital - Poesie der Bewegung" ist ein kuratiertes, künstlerisches Ausstellungsprojekt. Der Fokus liegt auf der Bewegung im allgemeinen Sinne, die sich als interdisziplinärer Faden durch die geplanten Ausstellungen (Böblingen, Grafenau und Sindelfingen) zieht. So werfen die künstlerischen Exponate vielfältige Fragen auf, etwa danach, wie sich etwas in Bewegung bringen lässt, in welchen Dimensionen wir uns gedanklich bewegen, wohin – ob vorwärtsgewandt oder rückwärtsgerichtet – wir uns bewegen, und was wir in unserem Leben letztendlich überhaupt bewegen können.