Künstlergruppen als Phänomene für Pioniergeist und progressive Gesinnung
Die sich vom traditionell-konservativen Kunstverständnis lossagenden und angesichts der Aufbruchsstimmung der eingeläuteten Moderne vermehrt bildenden Vereinigungen wirkten wie Keimzellen, in denen sich avantgardistische Kräfte bündelten sowie experimentell-unkonventionelle Ideen auf den fruchtbaren Boden der Erneuerung trafen.
Oftmals zogen diese nachhaltig geschaffenen Grundlagen mit lokalem Ursprung überregionale oder gar internationale Wirkungskreise.
Die ersten Zusammenschlüsse, wie etwa die nach Berliner Muster der »Novembergruppe« gebildete »Üecht-Gruppe« (1919-24), verkörperten Vorbildfunktion für alle kommenden Künstlergenerationen. Vermehrt im Verlauf des ersten Drittels des vergangenen Jahrhunderts spalteten sich demzufolge weitere Organisationen durch Neugründungen oder Wiederbelebungen ab. Während die kurzlebige »Gruppe 1929 Stuttgart« (1929) nur ein halbes Jahr bestand, existierten die »Stuttgarter Sezession« (1923-32/33), die »Stuttgarter Neue Sezession« (1929-1932/33) und die »Stuttgarter Juryfreie Kunstvereinigung« (1930-32) bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die alte »Stuttgarter Sezession« durch den in Böblingen ansässigen Maler Fritz Steisslinger bereits 1947 erneut ins Leben gerufen. Für den Wiederanschluss an die Kunstszene in der Nachkriegszeit war zudem die »Freie Gruppe schwäbischer Maler und Bildhauer« (1952/1963) von herausragender Bedeutung.
Auftrag und Aufgabenbereich
Neben dem Konservieren, Recherchieren, Erforschen und Sammeln besteht eine der Hauptaufgaben einer musealen Sammlung darin, die Exponate in Ausstellungen mit spannenden narrativen Ansätzen in neue Kontexte zu stellen und von aktuellen Blickwinkeln aus zu beleuchten. Indem einer breiten Öffentlichkeit neue Erkenntnisse und horizonterweiternde Denkanstöße vermittelt werden, gelingt es, das Vermächtnis und die Verdienste früherer Künstlergenerationen dauerhaft vor dem Vergessen zu bewahren.
»Verschollene Generation«
Der von Rainer Zimmermann 1980 in seinem Buch „Die Kunst der verschollenen Generation. Deutsche Malerei des expressiven Realismus“ geprägte Begrifflichkeit der „verschollenen Generation“ beschreibt diejenigen vom Räderwerk der Zeitläufte und Geschichte betroffenen Künstler, die angesichts der Wirren der beiden Weltkriege mit ihrer Freiheit oder gar ihrem Leben bezahlen mussten, weshalb ihnen in der Nachkriegsära ein Wiederanknüpfen an vorherige Künstlerkarrieren erschwert wurde oder völlig versagt blieb und sie demzufolge (oftmals zu Unrecht) in Vergessenheit gerieten.
Die Städtische Galerie Böblingen, die sich ergänzend zum bereits erwähnten Sammlungsprofil der als „verschollen“ geltenden Künstlerschaft aus dem regionalen, südwestdeutschen Raum der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts widmet, hilft als Ort des regen, identitätstiftenden Austausches sowie durch ihre in gegenwärtige, wissenschaftliche, gesellschaftspolitische wie kulturelle Kontexte eingebetteten Sonderpräsentationen ausschlaggebend mit, die Erinnerungen an diese schicksalsbeladenen Künstlerinnen und Künstler lebendig zu halten.
Die Galeriearbeit wird seit ihrer Gründung tatkräftig und ideenreich von ihrem Förderverein, dem Galerieverein Böblingen e.V., unterstützt. Allen Mitgliedern und engagierten, ehrenamtlichen Unterstützern gebührt dafür ein großes Dankeschön!
Sammlungsprofil
Das Galerieprogramm reflektiert ein breites künstlerisches Panorama an Kunsttendenzen, die sich in der südwestdeutschen Kunstlandschaft seit Anbruch der Moderne abzeichneten. Die komplexe Vielfalt der Kunststile wird anhand herausragender Werke in der Dauerausstellung vorgestellt. So widmet sich die ständige Präsentation dem wechselseitigen Mit- und Gegeneinander von impressionistischen, expressiven, gestischen, informellen, figurativen, lyrisch-abstrakten sowie konstruktiven Kunstströmungen und beleuchtet die verschiedenen Positionen und Themen im Spannungsfeld zwischen den frühen Wegen zur Abstraktion, dem Expressiven Realismus und der Neuen Sachlichkeit.
Ein weiterer Themenschwerpunkt bildet das facettenreiche Schaffen des Wahl-Böblingers Fritz Steisslinger. Regelmäßig wechselnde Sonderausstellungen zu orts-, gesellschafts- und gegenwartsbezogenen Fragestellungen runden das Galerieprogramm zudem ab. Der Einbezug aktueller Künstlerpositionen ermöglicht einen lebhaften und komplexen Dialog mit den Kunstwerken der Klassischen Moderne.

